Hospitality als Mindset: Wie Vitra über Design, Nachhaltigkeit und die Zukunft von Hotels denkt
Hotels verändern sich zunehmend als Räume. Sie sind heute Arbeitsort, sozialer Treffpunkt, Rückzugsraum und kulturelle Bühne zugleich. Welche Rolle Design dabei spielt und warum Hospitality weniger ein Marktsegment als vielmehr eine Haltung ist, erklärt Corina Meroth, Director Hospitality bei Vitra. Das Gespräch zeigt, wie sich Anforderungen von Hotelbetreibern verschieben, weshalb multifunktionale Räume an Bedeutung gewinnen und warum nachhaltiges Design bereits in der Entwicklungsphase beginnt.
Brandcraft Key Takeaways
Hospitality entwickelt sich zunehmend von einem Marktsegment zu einer Haltung
Hotels werden stärker zu sozialen und kulturellen Orten für Gäste und lokale Communities
Design beeinflusst Verhalten subtil und steuert Begegnung, Rückzug und Aufenthaltsqualität
Nachhaltigkeit entsteht primär in der Produktentwicklung und Materialentscheidung
Zukunftsfähige Hotels denken stärker in Lebenszyklen als in kurzfristigen Investitionen
Zur Person und Vitra
Corina Meroth ist Director Hospitality bei Vitra und verantwortet die strategische Entwicklung des Hospitality Segments der internationalen Designmarke. Mit einem Hintergrund in Produktentwicklung, Materialien und Systemdesign verbindet sie gestalterische Perspektiven mit operativen Anforderungen von Hotel und Objektprojekten weltweit.
Vitra arbeitet seit Jahrzehnten mit internationalen Hospitality Projekten sowie öffentlichen und hybriden Räumen und versteht Gestaltung zunehmend als verbindendes Element zwischen Architektur, Nutzung und sozialer Interaktion.
Corina Meroth, Director Hospitality bei Vitra
Brandcraft: Welchen Stellenwert hat die Hotellerie heute für Vitra und gibt es klare Fokus-Kategorien innerhalb dieses Segments?
Corina Meroth: Vitra Produkte findet man seit vielen Jahren in internationalen Hotelprojekten, nicht zuletzt ikonische Entwürfe von Charles und Ray Eames, die man in diesem Kontext häufig antrifft. Gleichzeitig ist vielen gar nicht bewusst, wie breit unser Angebot für dieses Segment heute tatsächlich ist. Mit unserem Portfolio aus Produkten, Systemen und Services können wir weit mehr abdecken als die blosse Lieferung einzelner Möbelstücke.
Aus Sicht von Vitra verstehen wir Hospitality weniger als klassisches Marktsegment, sondern vielmehr als ein Mindset, das sich auf unterschiedliche Räume und Nutzungsszenarien anwenden lässt. Das reicht von Hotels im engeren Sinne bis hin zu öffentlichen, halböffentlichen und hybriden Kontexten.
Das Zitat “Be a good host” von Charles Eames steht sinnbildlich für diese Haltung. Es beschreibt sehr treffend, wie wir auch heute an Gestaltung herangehen. Aufmerksam, menschenzentriert und mit dem Anspruch, Räume zu schaffen, in denen sich Menschen selbstverständlich willkommen fühlen, egal ob für einen kurzen Moment oder einen längeren Lebensabschnitt.
Brandcraft: Wie haben sich die Anforderungen von Hospitality Kunden in den vergangenen Jahren verändert und gibt es Anpassungen in den unterschiedlichen Nutzungskonzepten?
Corina Meroth: Wir sehen aktuell zwei zentrale Entwicklungen. Zum einen verschwimmen Nutzungen immer stärker. Hotelgäste arbeiten, lernen und erholen sich nicht mehr in klar getrennten Zeiten oder Räumen. Gleichzeitig sorgt der demografische Wandel für eine stärkere Durchmischung der Zielgruppen. Hotels werden zunehmend zu sozialen Orten.
Zum anderen zwingen steigende Kosten und Fachkräftemangel Betreiber dazu, Flächen neu zu denken. Effizienz entsteht heute weniger durch Verdichtung als durch Mehrfachnutzung. Konzepte wie CitizenM haben diesen Wandel bereits vor fast zwei Jahrzehnten angestoßen, indem Gemeinschaftsflächen ins Zentrum gerückt wurden.
Heute stehen wir an einem Punkt, an dem dieser Gedanke weiterentwickelt werden muss. Hotels können zu kulturellen Magneten werden. Orte, die bewusst auch die Nachbarschaft einbeziehen und lokale Identität sichtbar machen. Darin liegt aus meiner Sicht die nächste Entwicklungsstufe von Hospitality.
"Räume entscheiden oft unbewusst darüber, ob wir bleiben, uns öffnen oder wieder gehen. Sie beeinflussen unsere Stimmung, unser Verhalten und die Art, wie wir anderen Menschen begegnen, lange bevor wir dies rational wahrnehmen oder benennen können."
Brandcraft: Wie kann Design in Hotels das Verhalten beeinflussen und Räume schaffen, die Offenheit, Inklusion und echte Begegnung fördern?
Corina Meroth: Design wirkt oft stärker, als wir denken. Räume kommunizieren permanent mit uns, auch ohne Worte. Sie entscheiden darüber, ob wir bleiben, ob wir uns austauschen oder zurückziehen.
In Hotels geht es um fein austarierte Übergänge zwischen öffentlich und privat, Nähe und Distanz sowie Aktivität und Ruhe. Gut gestaltete Räume bieten Wahlmöglichkeiten und nehmen unterschiedliche Bedürfnisse ernst, unabhängig von Alter oder Herkunft.
Wenn Design Offenheit fördern soll, braucht es weniger Normierung und mehr Lesbarkeit. Möbel, Materialien und Raumstrukturen sollten intuitiv verständlich sein und gleichzeitig Freiheit zulassen. So entstehen Orte, die Begegnung ermöglichen, ohne sie zu erzwingen. Genau das macht echte Gastlichkeit aus.
Credit Portraits: Dejan Jovanovic
Brandcraft: Welche Verantwortung tragen Designmarken wie Vitra heute, wenn es darum geht, Nachhaltigkeit nicht nur ökologisch, sondern langfristig relevant zu gestalten?
Corina Meroth: Wir tragen eine doppelte Verantwortung. Erstens müssen wir unsere eigenen Wertschöpfungsketten konsequent dekarbonisieren und Ressourcen schonen. Zweitens müssen wir Lösungen anbieten, die Nachhaltigkeit ohne Verzicht ermöglichen.
Rund 80 Prozent der Umweltauswirkungen eines Produkts werden bereits in der Entwicklungsphase festgelegt. Nachhaltigkeit darf deshalb keine nachträgliche Optimierung sein, sondern muss integraler Bestandteil des Designs sein.
Für Vitra bedeutet das, Produkte so zu gestalten, dass sie lange genutzt, gewartet und repariert werden können und am Ende sinnvoll in den Kreislauf zurückgeführt werden. Langlebige Produkte entlasten Umwelt und Budgets gleichzeitig.
Gleichzeitig geht es darum, Nachhaltigkeit erlebbar zu machen. Wenn nachhaltige Lösungen in Komfort, Ästhetik und Wirtschaftlichkeit überzeugen, werden sie zur neuen Normalität. Relevant ist Nachhaltigkeit nur dann, wenn sie ökologisch, ökonomisch und kulturell trägt. Genau hier kann Design diese Verbindung schaffen.
"Die erfolgreichsten Hotels der Zukunft werden nicht vom Raum, sondern vom Menschen her gedacht."
Brandcraft: Welche Design- und Raumtrends, werde die internationale Hotellerie in den kommenden Jahren massgeblich prägen und warum?
Corina Meroth: Modularität, langlebige Materialien und adaptive Konzepte gewinnen weiter an Bedeutung, weil sie wirtschaftliche Sicherheit mit gestalterischer Freiheit verbinden. Dadurch verändert sich auch die Entscheidungslogik. Der Fokus verschiebt sich vom Investitionspreis am ersten Tag hin zu den Total Cost of Ownership.
Hotels sind langfristige Systeme. Ihre Qualität zeigt sich nicht beim Kauf, sondern über die Dauer der Nutzung und ihre Anpassungsfähigkeit. Angebote wie Circle for Contract machen diesen Ansatz konkret, indem Wiederverwendung und verlängerte Produktlebenszyklen wirtschaftlich sinnvoll integriert werden.
Ich bin überzeugt, dass erfolgreiche Hotelkonzepte der Zukunft konsequent vom Menschen her gedacht sind. Nicht vom Quadratmeter, sondern vom Erlebnis und vom langfristigen Wert. Profitabilität bleibt essenziell, doch Hospitality fügt eine zusätzliche Ebene hinzu. Sie verwandelt eine Transaktion in eine Beziehung. Genau dort entsteht der eigentliche Wert.